Headline: Transformative Partnerschaften: Überlegungen zur Transformationskonferenz 2023 im Europäischen Hub in Prag

Teilnehmende tauschen sich beim European Hub in Prag über Transformationsprozesse aus.
Teilnehmende tauschen sich beim European Hub in Prag über Transformationsprozesse aus. RIFS/Nicolai Herzog

Von Fanny Langner (Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde - HNE), David Manuel-Navarrete (Arizona State University - ASU), Carolin Fraude, Valerie Voggenreiter, Felix Beyers und Nicolai Herzog (alle RIFS)

Im Juli nahmen RIFS-Forscher:innen an der Transformationskonferenz 2023 im European Hub in Prag teil, die vom Czech Globe - Global Change Research Institute CAS ausgerichtet wurde. Die Transformationskonferenz zu dem Hauptthema "Transformative Partnerschaften für eine bessere Welt" fand eigentlich vom 12. bis 14. Juli 2023 vor Ort in Sydney statt, wurde aber aufgrund ökologischer Erwägungen zur Reduzierung internationaler Reisen von Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen um einen Workshop in Portland, Maine, und ein europäisches Hub in Prag erweitert. Die verschiedenen Stränge wurden über eine Online-Plattform mit Live-Übertragungen und Vernetzungsmöglichkeiten zusammengeführt. Gemeinsam konnte so die Rolle von effektiven, integrativen und transformativen Partnerschaften in der Praxis diskutiert und hervorgehoben werden.

Die Veranstaltung vermittelte aus Sicht der Autor:innen dieses Beitrages nicht das typische Bild einer wissenschaftlichen Konferenz, in der überkomplexe Theorien diskutiert werden oder sich die Teilnehmer:innen gegenseitig mit wissenschaftlichen Konzepten übertrumpfen. Der Grundgedanke war vielmehr, dass der Begriff der Transformation etwas mit uns allen und unseren Persönlichkeiten zu tun hat und auf einer individuellen Ebene gespürt und erlebt werden kann. Eine Teilnehmerin argumentierte beispielsweise, dass aus ihrer Sicht eine Transformation kaum möglich sei, solange wir die Veränderung nicht als Teil unseres Selbst verstehen und wir unsere Fähigkeiten des Handelns und Spürens diesbezüglich schulen. So sprachen auch die Referent:innen und die Teilnehmer:innen vermehrt über die Bedeutung von persönlichen Beziehungen für transformative Partnerschaften zwischen Wissenschaft und Praxis. Transformation sollte also vielmehr als ein persönlicher Zustand verstanden werden, der sich in jedem Moment entfaltet und davon beeinflusst wird, wie wir in sozialen Beziehungen auftreten und aktiv werden. Dementsprechend diskutierten die Teilnehmer:innen der Konferenz nicht nur die üblichen Schwerpunkte der Transformation, nämlich die des Wissens und des Handelns, sondern auch und vor allem die des Fühlens und Spürens, was uns wiederum Hoffnung macht, dass positive Veränderung nicht nur möglich, sondern auch von Herzen erlebt werden kann.

Diese und weitere Beobachtungen wurden von einer Gruppe so genannter "Sense-Maker" (Sinnstifter:innen) an den drei verschiedenen physischen Knotenpunkten der Konferenz gesammelt. Ausgewählte Forscher:innen des RIFS-Projekts "Transformative Räume und Denkweisen" und andere Teilnehmer:innen der Konferenz, die zur Gruppe der "Sense-Maker" gehörten, führten Interviews und Videoaufzeichnungen mit den Redner:innen und Teilnehmer:innen durch und stellten dabei Fragen zum Thema des Tages wie zum Beispiel: "Wie nutzen wir verschiedene Wissensquellen für transformative Partnerschaften?", "Wie mobilisieren wir Wissen und schaffen Handlungsfähigkeit für transformative Partnerschaften?" und "Was fehlt für einen Systemwandel?“ Die „Sense-Maker“ hatten dabei die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zunächst über die Online-Plattform auszutauschen und dann gemeinschaftlich zu reflektieren. In Sydney wurde dabei ein Raum für eben dieses Sense-Making eingerichtet, um diese kollektiven Reflexionsprozesse auch online zu unterstützen. Nach dem Motto: "Wir sind mehr fühlende als denkende Wesen", das von einem Hauptredner in Prag zum Thema "Sense-Makers" unterstrichen wurde, konnten die Teilnehmer:innen die Auswirkungen neuer Begegnungen, Einsichten und Interaktionen kollektiv einordnen und reflektieren.

In Anlehnung an diese Prozesse möchten wir zwei reflexive Geschichten zu der Frage vorstellen, was eine transformative Partnerschaft ausmacht, um die Diskussionen der Konferenz fortzuführen.

Eine persönliche Reflexion von Carolin Fraude: Informelle Pausen dienen sinnvollen Begegnungen

Pausen oder informelle Abendveranstaltungen nach einem langen Konferenztag sind oft ein wertvoller Raum für tiefergehende Gespräche. Diese Gespräche können dazu dienen, die Erkenntnisse der Konferenz auf eine persönliche und kontextspezifische Ebene zu hieven. Bei einem Spaziergang mit einem anderen Konferenzteilnehmer über die schönen Brücken und Flussufer von Prag kamen wir auf die Konferenz und ihren weiteren Kontext zu sprechen, nämlich die herausfordernden globalen Krisen und Resultate der Umweltzerstörung. Wir waren uns einig, dass das Verständnis von Transformationsprozessen äußerst wichtig ist und dass die Konferenz und ihre Teilnehmer:innen wertvolle Konzepte und Einblicke in Transformationen bieten.

Gleichzeitig kamen wir beide auch zu dem Schluss, dass wir uns eingestehen sollten, dass die Menschheit wohl nicht mehr in der Lage sein wird, Prozesse der globalen Zerstörung zu verhindern. Auf diese Weise waren wir nun in der Lage, über unsere diesbezüglich aufkommenden Gefühle zu sprechen. Überraschenderweise waren wir beide mit diesem Gedanken durchaus vertraut und hatten sogar das Gefühl, dass er einen tieferen Sinn hat. Wenn die Menschheit sich einer solchen Realität stellen muss, scheint es, dass die Akzeptanz und Öffnung dafür eine Erfahrung ermöglicht, die das intellektuelle, logische Verständnis mit einer inneren Wahrnehmung (Wissen), einer tieferen Wahrheit verbindet. Es ist, als ob sich das eigene Empfinden erweitert und für etwas Unsichtbares und Subtiles öffnet. Es erinnert an David Bohms Theorie der unendlichen Ordnung, die eine kosmische Ordnung des Lebens beschreibt. So spürten wir ein tieferes Vertrauen in das Leben und in einen Sinn von allem, was geschieht. Wir sahen auch die Vorteile des Scheiterns bestimmter komplexer Systeme, selbst wenn dies den Tod bedeuten mag. - Wir spürten, dass es etwas Unendliches gibt, etwas, das über den Tod hinausgeht.

Die Teilnahme an Konferenzen wie dieser kann nicht nur auf intellektueller Ebene, sondern auch auf der emotionalen und Beziehungsebene sehr bereichernd sein. Wenn Raum gegeben wird, um (schwierige) Gefühle zu verarbeiten, und die Teilnehmer:innen sich sicher genug fühlen, um über solche herausfordernden Gedanken zu sprechen, können diese Begegnungen kollektive Bewusstseinsveränderungen unterstützen. Vor allem dann, wenn ungewöhnliche Perspektiven geteilt werden können, über die normalerweise nicht gesprochen wird.

Informeller Austausch am Rande der Tagung in Prag.
Informeller Austausch am Rande der Tagung in Prag. RIFS/Nicolai Herzog

Eine persönliche Reflexion von David Manuel-Navarrete: Keine Veränderungen ohne Verlernen

Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Reden über Transformationen als etwas, das mit Systemen "da draußen" geschieht, und dem persönlichen Umgang mit Transformationen. In Prag 2023 konnten wir darüber reden. Die Konzeptualisierung von Transformationen in verschiedensten Systemen ist nach wie vor notwendig und intellektuell stimulierend, aber müsste sie nicht eigentlich damit beginnen, uns selbst, also unsere Praktiken und Institutionen zu hinterfragen, da wir die eigentlichen Wurzeln der globalen Unnachhaltigkeit sind?

Ich selbst bin zur Transformationskonferenz 2023 mit dem Willen gefahren, alte Gewohnheiten abzulegen oder sie zu verlernen, wie z. B. mit einer gewinnorientierten Einstellung aufzutreten (Was habe ich eigentlich davon?), meinen Status oder mein Ansehen zu profilieren, die kognitiven Gehirnaktivitäten über andere menschliche und übermenschliche Wahrnehmungen zu stellen oder beim Aufbau von Beziehungen strategisch vorzugehen. Glücklicherweise stellte ich fest, dass die meisten Teilnehmer:innen eine ähnliche Einstellung zum Verlernen hatten.

Im Laufe der Konferenz vervielfachten sich die Gelegenheiten zu diesem Verlernen. Sie ergaben sich aus kleinen Gesten wie spontanen Zuneigungsbekundungen, ehrlichen Gesprächen oder einem Referenten, der sich in seiner Ansprache mit einem Gedicht verletzlich zeigte. Die Momente, die das Verlernen förderten, waren zudem in das Programm eingebettet, mit Sessions über die Verkörperung von Transformationen und Gesprächen über große Herausforderungen, die auf Wahrnehmung, Intimität und gegenseitige Unterstützung abzielten und onto-epistemologische Offenheit förderten.

Nicht das Wissen an sich, ob wissenschaftlich oder nicht, ist das Problem, sondern das Vorherrschen der materialistischen Kulturen. Diese Kulturen werden seit langem von der akademischen Welt unterstützt und durch Bildung, Gesundheit, Märkte und andere wissenschaftlich geprägte Institutionen gefördert. Können wir diese Identitäten verlernen, die viele von uns aufgebaut haben, weil sie in genau den Systemen, die wir verändern wollen, am erfolgreichsten zu sein scheinen?

Dabei haben wir noch viel zu verlernen. Die Praktiker:innen unter uns und die Kolleg:innen aus dem Globalen Süden können dazu beitragen, neue Möglichkeiten des Verlernens in den Vordergrund zu rücken, wenn wir alle auf die Selbsttransformation achten, die als kollektiver und relationaler Prozess und nicht als individuelle Leistung verstanden werden soll.

Was sagen uns die beiden Geschichten über transformative Partnerschaften?

Ein transformatives Element einer Partnerschaft ist sicherlich die tief verwurzelte intrinsische Motivation, zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit beizutragen oder diese voranzutreiben. Es kann aber auch bedeuten, dass Partnerschaften über den beruflichen Status hinausgehen und sich für die persönliche Ebene der Partnerschaft interessiert wird – nämlich für Freundschaften. Es kann bedeuten, miteinander Ängste und Emotionen zu teilen, mit unserer ganzen Persönlichkeit und Sensibilität in Verbindung zu treten und sich verletzlich zu zeigen sowie eine Haltung des Verlernens einzunehmen. Eine der Co-Autorinnen hatte diesbezüglich von dem Begriff „Freu-legen“ gehört, d. h. einer Mischung aus Freunden und Kollegen, was uns im Zusammenhang dieser transformativen Partnerschaften mit einem Fokus auf starke soziale Beziehungen als sehr passend erscheint.

Abschließend stellt sich die Frage, wie es in einem wissenschaftlichen Konferenzumfeld aussieht. Können sich hier echte transformative Partnerschaften entwickeln? Kann eine freundschaftliche Ebene erreicht werden, die über den beruflichen Status hinausgeht? Das klingt zunächst einmal unlogisch, denn wir alle kennen das Gefühl der Nervosität, wenn wir an solchen arbeitsbezogenen Konferenzen teilnehmen, um vor dem Publikum eloquent zu sprechen oder das Bedürfnis zu verfolgen, professionelle Kontakte für unsere zukünftige Karriere zu knüpfen. Die Transformationskonferenz war anders, sie förderte Beziehungen und eröffnete gemeinsame und sensible persönliche Reflexionen, die uns befähigten, zu verlernen und Wege zu transformativen Partnerschaften aufzuzeigen, die eher natürlich als kalkuliert oder strategisch entstehen mögen.

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